Literarischer Gegenwartsroman
Wenn der Wind sich zeigt
Sie sah schon immer mehr. Bis sie lernte, nicht mehr hinzusehen.

Claire Bendixen arbeitet mit Pferden, weil sie ihnen vertrauen kann.
Bei ihnen nennt man es Erfahrung: Claire erkennt Angst, Unruhe und den Augenblick, in dem ein Tier auf etwas antwortet, das andere noch gar nicht wahrgenommen haben.
Als Kind konnte sie auch Menschen auf diese Weise sehen. Doch sie lernte früh, dass man manches besser nicht bemerkt – und noch weniger darüber spricht. Irgendwann begann Claire deshalb, ihrer feinsten Wahrnehmung selbst zu misstrauen.
Bis Fessel auftaucht. Ein kleines, unverschämtes Wesen, kaum mehr als ein Knick im Licht. Claire weiß, dass es nicht da sein kann. Dummerweise scheint Fessel das nicht zu interessieren.
Als sie in einer stürmischen Nacht zu einer Stute auf einer überfluteten Salzwiese gerufen wird, muss Claire wieder etwas tun, das sie sich lange abgewöhnt hat: dem vertrauen, was sie wahrnimmt, bevor sie es erklären kann.
Und während ihre Mutter sich immer weiter in die Vergangenheit zurückzieht und Hauke beharrlich in ihrer Nähe bleibt, begreift Claire langsam, dass sie nicht nur eine verlorene Fähigkeit zurückgewinnt. Sie erlaubt sich auch wieder, einem Menschen nahe zu sein.
Claire lernt wieder hinzusehen. Und merkt erst spät, dass auch jemand sie sieht.