Kapitel 1
Die Burg aus Pappe
An der Decke war noch Sonne.
Finola stellte einen Fuß in den hellen Streifen. Unter ihrer Schuhsohle lag der weiße Putz der Bahnhofshalle. Ihr Kopf zeigte zu den Tischen hinunter. Wenn sie sich ein wenig vorbeugte, konnte sie bis in die Küche sehen.
Der Nachmittagszug war abgefahren. Eine Weile hatten noch Koffer über die Fliesen gerumpelt. Jetzt hörte man die große Uhr und gelegentlich das Klappern von Tellern. Es roch nach Tomaten und warmem Teig.
An einem Tisch saßen Toni und Enzo. Zwischen ihnen lagen Pappstücke, eine Schere und ein Knäuel roter Wolle. Toni schnitt Zacken in einen Karton, den Enzo festhielt. Wenn die Schere weiterwanderte, wanderten seine Hände mit. Aus dem Karton wurde eine Burgmauer.
Finola betrachtete das kleine Fenster in einem der Türme. Sie stellte sich einen König vor, der die Tomatensoße roch und sich weit hinauslehnte. Dabei würde ihm die Krone herunterfallen, und unten müsste jemand stehen, um sie aufzufangen.
Enzo sagte etwas, und Toni lachte. Sie hielt sich rasch die Hand vor den Mund. Zwischen ihren Lippen steckte noch eine Pappzacke. Finola lehnte sich weiter vor. Jetzt wollte sie wissen, was da unten so lustig war.
Finola ging über die Decke bis zum hohen Fenster. Dort blieb sie einen Moment stehen. Heute brauchte sie einen Atemzug, bis sich die Wand wieder richtig anfühlte. Dann setzte sie die Füße daran. Für sie war die Wand jetzt der Fußboden.
Sie ging daran hinunter, bis ihre Schuhe dicht über den Fliesen standen. Dann wechselte sie auf den Hallenboden und trat an den Tisch. Enzo schob mit dem Fuß einen Stuhl zurück. Finola setzte sich.
Toni und Enzo kannten das schon. Seit letztem Donnerstag wohnte Finola bei den Salvatorinis, Tonis und Enzos Familie. Heute war Mittwoch. Sie kam aus Lemuria. Bis hierher hatte sie nur durch die hintere Tür gehen müssen.
Die Mädchengestalt hatte Finola für diesen Besuch ausgesucht. Auf Lemuria war Licht durch ihre Finger gefallen. Hier legte sie die Hand flach auf den Tisch. Das Holz drückte gegen ihre Haut. Beim Herüberkommen war aus ihrer Gestalt ein fester Körper geworden. Im Bauch zog es, und aus der Küche kam der Geruch von warmem Teig.
Auf dem hohen Fensterbrett lagen Finolas Jacke und ihre Reisetasche. In einem Becher steckten die glatten Steine vom Bahnsteig. Tonis Malkiste war ins Zimmer gewandert, ihr gestreiftes Kissen auch. Finola hatte vom Fenster aus das Dach des Kiosks bestaunt. Toni hatte nur auf die Stelle gezeigt, an der ihr Kissen gelegen hatte.
„Antonella, die Hefte müssen noch vom Küchentisch!“, rief ihre Mutter.
Toni legte die Schere hin und ging in die Küche. Als sie zurückkam, hielt sie ihre Hefte mit ausgestreckten Armen. An einer Ecke klebte Tomatensoße.
Sie legte die Hefte auf einen trockenen Stuhl und sah zum Fensterbrett. „Mein Kissen möchte ich nachher wieder dort haben.“
Finola folgte ihrem Blick. Zwischen der Tasche und dem Steinebecher hätte kaum noch ein Kissen Platz gehabt. Sie schob den Stuhl zurück. „Die Jacke kann an den Haken.“
„Danke.“ Toni schaute weiter hinauf, bis zur Decke. „Du hast einen Schuhabdruck oben gemacht.“
Finola entdeckte den kleinen grauen Halbmond im Putz. Sie sah auf ihre Schuhsohle. Sogar das Muster hatte sich abgedrückt. „Den wische ich nachher weg.“
Enzo zog einen Streifen Klebeband ab. Er blieb an seinem Ärmel hängen. Finola betrachtete die Burg. „Wer wohnt da drin?“
„Ein Prinz“, sagte Enzo. Er versuchte, das Klebeband mit dem Daumen abzustreifen.
„Mit Krone?“ Enzo nickte.
„Dann muss unten jemand aufpassen“, sagte Finola. „Falls er sich aus dem Fenster lehnt.“
„Unser Prinz bleibt hinter der Mauer“, sagte Toni.
Enzo schob zwei Finger durch das Fenster, als wären es Beine. Einer blieb am Klebeband hängen. Als er ihn herausziehen wollte, neigte sich der ganze Turm zur Seite. Finola fing ihn auf. Toni zeichnete einen größeren Bogen um das Fenster. Während sie schnitt, hielt Finola die Pappe fest, und Enzo befestigte den Turm neu. Diesmal blieb er stehen.
Vor der Burg sollte ein Drache schlafen. Der Prinz musste an ihm vorbei, ohne ihn zu wecken. Toni knurrte tief aus der Kehle. Enzos Finger verschwanden sofort im Fenster.
Finola lachte. „Die trauen sich nicht mehr raus.“
Als Toni noch einmal knurrte, musste sie husten.
Enzo schob ihr das Wasserglas hin. „Vielleicht ist er erkältet.“
An der Eingangstür zur Bahnhofshalle klapperte es. Ein Rad blieb an der Schwelle hängen, sprang darüber, und ein niedriger Wagen rollte in die Halle. Darauf standen drei Holzkisten. Hinter ihnen kam eine Frau mit einem roten Schal zum Vorschein.
„Frau Rabe!“, rief Enzo. Er sprang auf. Sein Stuhl stieß gegen Finolas.
Frau Rabe war die Puppenspielerin. Morgen, am Donnerstag, würde sie in der Bahnhofshalle auftreten. Im letzten Jahr hatte ihr Hund einen Brief verschluckt. Enzo hatte die Hundestimme danach beim Abendessen ausprobiert. Mehrere Abende lang. Frau Rabe kannte die Gäste aus Lemuria. Wenn Finola von der Decke winkte, winkte sie zurück.
Frau Rabe betrachtete die Burg. „Das sieht nach viel Arbeit aus. Aber schön geworden.“
„Ja, unser Theater“, sagte Enzo.
Toni stellte den schiefen Turm gerade. „Können wir morgen vor Ihnen spielen?“
Frau Rabe legte den Kopf schief. „Wie lange?“
„Nur fünf Minuten.“
Enzo holte Luft. Toni sah ihn an. Er schloss den Mund wieder.
„Um elf geht es los“, sagte Frau Rabe. „Ihr bekommt die ersten fünf Minuten.“ Sie hielt eine Hand hoch. Enzo betrachtete die fünf Finger, als könnte man daran ablesen, wie viel Theater hineinpassen würde.
Finola sah zur Uhr. „Morgen um zwölf gehen wir nach Hause. Bastis, Lakritze und ich.“
Für einen Moment hielt Enzo das Klebeband still. „Aber um elf bist du noch da. Bis zwölf ist doch noch eine ganze Stunde.“
„Ja.“
„Dann machst du den Drachen.“ Er schob ihr das grüne Papier hin.
Finola ließ das Papier einen Moment liegen. „Den Drachen halten kann ich. Aber ich habe noch nie vor Leuten Theater gespielt. Wenn die dann alle auf uns schauen und ich …“ Sie strich über eine Ecke des Papiers.
„Ich auch nicht“, sagte Enzo.
Finola sah zu Toni. „Du hast Frau Rabe gleich gefragt. Wusstest du schon, dass wir das können?“
„Ich wollte erst mal wissen, ob wir dürfen.“ Toni rückte den Turm ein Stück zur Seite. „Wir können doch proben. Einer sitzt davor und sagt, was er sieht.“
Finola zog das grüne Papier zu sich. „Dann halte ich den Drachen.“ Bis morgen zwölf war noch Zeit für eine Probe. Und für Frau Rabes Hund, falls der wiederkam.
Frau Rabe klopfte auf ihre kleinste Kiste. „Die ist leer. Ihr könnt sie für die Probe ausleihen. Aber heute Abend brauche ich sie zurück.“
Aus der Küche kam Giulia, Tonis und Enzos Mutter. Sie begrüßte Frau Rabe, hob einen Papierrest vom Stuhl und betrachtete die Burg.
„Morgen bekommen wir fünf Minuten Theater“, erklärte Enzo.
„Aha.“
„Vor Frau Rabe.“
Giulia lächelte. „Dann braucht ihr heute bald einen anderen Platz zum Proben. Die Gäste kommen gleich.“
Toni sammelte die Pappreste ein. Enzo stellte die geliehene Kiste neben den Tisch. Finola holte ihre Jacke vom Fensterbrett und hängte sie an einen freien Haken. Den Steinebecher rückte sie dicht an die Reisetasche. Jetzt blieb ein Stück der Fensterbank frei.
Finola faltete das grüne Papier zu zwei Flügeln. Sie ging damit an der Wand hinauf und hielt es über die Burg. „Der Drache könnte bis zur Uhr fliegen.“ Frau Rabe trat etwas zurück. „Nicht über den Durchgang, bitte. Da kommen gleich die Koffer.“
Finola zog die Flügel auseinander. Das Papier spannte sich zwischen ihren Fingern. Ein Streifen riss ab und fiel auf den Hallenboden. Enzo hob ihn auf.
„Mit meinem richtigen Drachen geht es besser.“ Er öffnete den niedrigen Schrank neben der Küche.
Sein Stoffdrache war grün. Ein Horn war kürzer als das andere. Toni hatte ihm einen Flügel wieder angenäht, nachdem Enzo ihn an einem Türgriff hängen gelassen hatte.
Aus dem Schrank kam eine rote Socke, dann ein Holzlöffel. Dann Enzos Kopf. „Der war hier.“
Toni kniete sich neben ihn. „Wann hast du ihn zuletzt da reingelegt?“
Enzo betrachtete die Socke. „Gestern habe ich hinten mit ihm gespielt. Im Gepäckraum.“
„Dann suchen wir dort.“
„Aber ich habe ihn wieder mitgenommen.“
„Wohin?“
Enzo schwieg eine Weile. „Ich hatte ihn auf die Fundtruhe gesetzt. Nur kurz. Damit ich seine Höhle wegräumen konnte.“
Sie stellten die Burg auf einen freien Tisch an der Wand und gingen durch den schmalen Gang hinter der Küche. Am Ende stand die Tür nach Lemuria.
Ein Mann mit einem Strohhut kam aus der Küche und ging an ihnen vorbei. Auf seiner Wange war noch ein kleiner roter Fleck. Er wischte ihn mit dem Finger weg und sah sich den Finger an. Dann zog er ein Taschentuch hervor.
„Bis zum nächsten Mal“, sagte er.
Toni winkte ihm. Der Mann öffnete die hintere Tür. Helles Licht fiel auf die Fliesen. Dahinter konnte Finola durchscheinende Flächen erkennen, eine hinter der anderen, bis sie im Licht verschwanden. Im Rahmen leuchteten viele kleine Stellen. Der Mann ging hindurch. Sein Strohhut war als Letztes zu sehen. Dann fiel die Tür zu.
Enzo drückte die Tür zum Gepäckraum auf. Dort roch es nach Holz und den Mänteln, die niemand abgeholt hatte. Unter einer Reihe leerer Haken stand die große Fundtruhe. Auf ihrem Deckel saß kein Drache.
„Vielleicht ist er reingefallen“, sagte Enzo. Gemeinsam hoben sie den Deckel.
Kapitel 2
Die Kiste des ersten Gastes
Obenauf lag ein roter Handschuh. Enzo griff danach. Für einen Augenblick sah es aus, als käme ihm eine Hand aus der Truhe entgegen. Dann hing der Handschuh schlaff zwischen seinen Fingern. „Kein Drache.“
Darunter lagen ein Schal, eine Knopfdose und ein zusammengefalteter Regenschirm. Der Schirm hatte einen geschnitzten Entenkopf am Griff. Einer seiner Augenknöpfe fehlte. Finola strich über den Schnabel. Aufgespannt würde der Schirm der Ente einen sehr großen Hut machen.
Toni hielt den Schal fest, während Enzo suchte. In der Truhe war nichts Grünes. Finola ging an der Wand neben den Haken hinauf und sah von dort in den Spalt hinter der Truhe. Der Drache lag auf dem Rücken. Ein Flügel steckte zwischen den hinteren Füßen. „Da ist er.“
Enzo streckte die Hand in den Spalt, erreichte aber nur die Stoffspitze. Finola griff von oben nach dem weichen Bauch. Als der Flügel am Holz hängen blieb, löste Toni ihn vorsichtig vom Rand. Dann war der Drache frei.
Enzo strich seine Flügel glatt. „Ich wusste doch, dass ich ihn hiergelassen hatte.“
„Eben hattest du ihn noch mitgenommen“, sagte Toni.
Enzo drückte auf den Bauch des Drachen. Dessen Kopf neigte sich nach vorn. „Er erinnert sich auch nicht.“
Finola kam von der Wand herunter. Enzo ließ den Drachen knurren und lief mit ihm einmal um den Tisch. Toni legte den Schal zurück in die Truhe und schloss den Deckel.
Am kleinen Fenster stand ein niedriger Schrank. Daneben war ein Hocker, auf dem niemand saß. Toni zog ihn ins Licht. „Hier könnte ich lesen.“
Finola beugte sich zum Fenster. Durch die Scheibe sah sie ein Stück Bahnsteig und die Beine der Leute, die draußen vorbeigingen. Ein roter Schuh blieb kurz stehen und verschwand wieder.
„Von der Halle aus sieht man auch die Köpfe“, sagte sie.
Toni setzte sich auf den Hocker. „Ich möchte gerade gar keine Köpfe sehen.“ Sie zog die Beine unter den Sitz. „Hier kommt keiner mit einem Koffer vorbei.“
Als sie sich zum Fenster drehte, entdeckte sie die kleine Kiste auf dem Schrank. Die war viel heller als die Fundtruhe. An ihrem Deckel saßen zwei schmale Messingscharniere. „Was ist da drin?“
Enzo kam mit dem Drachen zurück. „Die Sachen von Omas erstem Gast.“
Toni hob den Deckel. Ein gefaltetes Stück Stoff lag darin, mit einer schmalen hellen Kante. Darauf lagen ein Stein, eine Glocke ohne Klöppel und ein durchsichtiger Löffel. Daneben waren ein Ring mit einer Lücke, ein kleiner Kreisel und ein dunkles Buch.
Enzo nahm den Löffel zwischen zwei Finger. „Wie findet man den in der Suppe wieder?“
Finola beugte sich über den Stein. Außen sah er hart aus. In seiner Mitte war eine Mulde. Als sie den Daumen hineinlegte, gab die Mulde nach. Sie ließ los, und die Stelle wurde wieder glatt.
Enzo legte den Löffel zurück und schüttelte die Glocke. Nichts. „Kaputt.“ Er stellte sie wieder in die Kiste.
Toni nahm das Buch heraus. Es war kaum größer als ihre Hand. An den Ecken war sein Einband heller gerieben. Ein schmales Band schaute zwischen den Seiten hervor. Sie schlug es auf.
Es machte leise ding.
Alle drei sahen zur Glocke. Die stand still. Enzo beugte sich über die Kiste. „Du bist zu spät.“
Toni blätterte um, während Finola sich neben sie auf den Boden setzte. Auf der Seite war eine Pflanze gezeichnet. Ihre Blätter standen paarweise am Stängel. Die Spitzen waren eingerollt, und an den Zweigen saßen kleine Verdickungen.
Finola kannte die eingerollten Blattspitzen aus Nonnas Küche. Am ersten Tag hatte Nonna ihr ein Blatt gezeigt. Finola hatte es zwischen den Fingern gedreht, ganz vorsichtig. Am Daumen war ein grüner Tropfen geblieben. „Das ist Nonnas Pflanze.“
„Mit der sie die Soße macht“, sagte Enzo. „Aber nur ein winziges bisschen. Ich durfte einmal die Schüssel auslecken.“
Finola fuhr mit dem Finger neben der gezeichneten Blattspitze entlang. Solche Kringel kannte sie auch aus Lemuria. Dort hatte Licht darin gestanden. Sie rieb den Daumen am Zeigefinger, obwohl der Saft längst abgewaschen war.
„So etwas gibt es bei uns auch“, sagte sie.
Toni sah erst die Zeichnung an und dann Finola. „Die Pflanze?“, fragte sie.
„Das Eingerollte. Dort ist es …“ Finola drehte die Hand, als hielte sie das Blatt noch. „Ich kann es nicht so anfassen wie hier.“ Toni beugte sich näher über die Seite. Neben dem Stängel standen kleine, dicht geschriebene Zeichen.
„Kannst du das lesen?“, fragte Toni.
Finola erkannte einzelne Wörter. Andere waren so eng ineinandergerückt, dass sie die Zeichen nicht auseinanderbekam. „Das hier heißt Samen. Glaube ich. Aber das Wort davor kann ich nicht lesen.“
Auf der gegenüberliegenden Seite war die Schrift größer. Toni fuhr mit dem Finger unter einer Zeile entlang. „Das ist Deutsch.“
Im Türrahmen erschien Nonna Pina. Sie trug eine Schüssel mit Tomaten, und an ihrer Schürze hing ein Faden roter Wolle. „Hier seid ihr. Ist der Drache wieder da?“
Enzo hielt ihn hoch. Nonna stellte die Schüssel auf den Tisch. Toni zeigte ihr das Buch. „Wem gehört das?“
Nonna nahm es behutsam an der unteren Ecke. „Das hat mein erster Gast hiergelassen.“ Sie betrachtete die Pflanzenzeichnung. „Von ihm habe ich auch die Pflanze. Er hat mir gezeigt, wie wenig man davon für eine ganze Schüssel Soße braucht.“
Enzo rückte näher. „War das der, der die Tür gemacht hat?“
„Später“, sagte Nonna. „Zuerst musste er etwas essen.“
Finola legte den Kopf schief. Auf Lemuria erzählten sie von Nonna Pinas Pizza. Von dem hungrigen Mann hatte sie noch nie gehört.
„Du hast ihn einfach hereingelassen?“, fragte Enzo.
„Er stand vor der Tür.“
„Aber du wusstest doch gar nicht, was er war!“
„Hungrig“, sagte Nonna Pina. „Das habe ich gesehen.“
Sie strich eine Tomate mit dem Daumen glatt. „Ich war auch einmal hier angekommen und kannte niemanden. Euer Opa und ich kamen mit zwei Koffern aus Italien. An der Grenze hatte er noch einmal nachgesehen, ob unsere Fahrkarten wirklich in seiner Tasche waren.“
„Waren sie?“, fragte Enzo.
„Natürlich. Er hat sehr oft nachgesehen.“ Nonna lächelte und gab Toni das Buch zurück. „Der Gast kam später wieder. Er brachte die Pflanze und richtete die Verbindung ein. Seitdem müssen seine Freunde für einen Besuch nur durch die hintere Tür gehen.“
Toni betrachtete den Einband. „Dürfen wir darin lesen?“
„Ja. Passt gut darauf auf. Die Seiten sind alt.“ Nonna zog sich den Wollfaden von der Schürze und legte ihn zu den Bastelsachen. Dann nahm sie ihre Schüssel wieder mit.
Enzo wollte sofort den Drachen fliegen lassen. Finola sah zum Balken über dem kleinen Fenster. Hier gab es keine Lampenketten und keine große Uhr. Viel Platz über den Köpfen. „Wir könnten hier proben.“
Enzo lief hinaus, um die Burg zu holen. Toni saß noch auf dem Hocker, das Buch auf den Knien. Finola blieb bei ihr. Toni rückte zur Seite und klopfte neben sich auf den Sitz. Zwischen ihr und dem Rand blieb nur ein schmaler Streifen Holz. Finola setzte sich auf den Boden und lehnte einen Arm an das Holz. Toni rückte wieder in die Mitte und begann zu lesen.
Es war mein erster Sommer auf der Erde. Der Garten hinter dem Haus wurde so dicht, dass man das Tor nicht mehr sehen konnte. Eines Morgens hörte ich von der anderen Seite jemanden rufen.
„Ist das hier noch ein Garten?“
„Ja“, rief ich.
„Dann bin ich richtig“, sagte die Stimme. „Ich habe nämlich eine Gießkanne.“
Finola sah das Tor vor sich. Über ihm hing ein Zweig. Der Junge musste den Kopf einziehen, damit er ihm nicht ins Gesicht kam. Seine Gießkanne war rot. Bei jedem Schritt stieß ihr Boden gegen sein Knie. Toni las weiter.
Ich suchte das Tor. Während ich suchte, hörte ich Wasser plätschern. Als ich endlich hinausfand, war vor dem Garten eine große Pfütze. Mitten darin stand ein Junge.
„Die Blumen sind auf der anderen Seite“, sagte ich.
„Das habe ich auch gerade gemerkt“, sagte er.
Finola lachte. Enzo kam mit der Burg bis in den Türrahmen. Er hörte das Lachen und stellte sie rasch auf dem Boden ab. „Was?“
Toni las die letzten Zeilen noch einmal. Enzo setzte den Drachen neben sich. „War die Gießkanne gelb?“
Toni schaute auf die Seite. „Da steht keine Farbe.“
Enzo nickte. „Dann gelb.“
„Meine ist rot“, sagte Finola.
Enzo sah sie an. „Deine Gießkanne?“
„Die beim Zuhören. Ich sehe sie immer noch. Sie hat einen langen Griff.“
Enzo hielt eine Hand neben sein Knie. „Bei mir schlägt sie hier an. Aber sie ist gelb.“
Finola versuchte, sich seine gelbe Kanne vorzustellen. Auch sie schlug gegen das Knie. Toni blätterte weiter, und Finola hielt die Seite am unteren Rand fest. Dort war wieder die kleine Schrift. Ein Satz war durchgestrichen. Über ihm stand ein anderer. Am Rand verlief eine blasse Linie, die nicht mit Tinte gezeichnet war. Finola strich mit der Fingerspitze darüber. Im Papier war eine flache Rille.
„Die Burg wartet“, sagte Enzo. Er hob den Drachen auf.
Toni legte das Leseband zwischen die Seiten und schloss das Buch. In der kleinen Kiste lagen wieder die sechs anderen Sachen: Stoff, Stein, Löffel, Glocke, Ring und Kreisel. Sie klappte den Deckel zu und nahm das Buch mit. „Oben auf dem Treppenabsatz ist noch ein Fenster“, sagte sie. „Da lege ich es hin. Dann lesen wir nachher weiter.“
Finola stand auf und half Enzo mit der Burg. Den rechten Turm musste sie mit einer Hand festhalten, weil er noch immer wackelte.
Kapitel 3
Punkt zwölf
Der Prinz hatte keine Brücke. Enzos gekrönte Finger standen vor dem Burgtor und schauten auf die Tischplatte. „Meine Brücke wurde gestohlen.“
Toni schob einen schmalen Pappstreifen bis zu ihm hin. „Hier.“
Der Prinz beugte sich herunter. „Vielen Dank.“
Inzwischen stand die Burg auf einem Klapptisch im Gepäckraum. Frau Rabes Kiste war als Bühne zu schmal gewesen, vor allem für Enzos Ellbogen. Sie wartete leer neben der Tür auf ihre Rückgabe. Eine dunkelblaue Decke lag über dem Tisch und hing vorne bis auf den Boden. Dahinter konnten die Kinder sich verstecken.
Finola hielt den Drachen am Bauch. Toni sollte erzählen, Enzo spielte den Prinzen, und Finola musste im richtigen Moment den Drachen aufwachen lassen. „Wer schnarcht denn da?“, fragte Enzos Prinz.
Finola ließ den grünen Kopf hinter dem Turm auftauchen. „Ich.“
Toni kicherte. „Er soll noch schlafen.“
Finola zog den Drachen zurück. Sie hatte so lange auf ihren Einsatz gewartet, dass sie ganz vergessen hatte, was er tun sollte. Beim nächsten Mal schnarchte sie. Enzo hielt seine Finger dicht vor dem Burgtor still, bis Toni ihm zunickte.
Der Prinz schlich über die Brücke. Seine Finger machten winzige Schritte. Dann wachte der Drache auf. Enzos Prinz drehte sich um, die Krone rutschte von seinen Fingern und landete zwischen den grünen Flügeln. Alle drei sahen sie an.
„Jetzt ist er König“, sagte Enzo.
Toni lachte so plötzlich, dass die Brücke von der Tischkante fiel. Finola hielt den Drachen still. Die Krone saß schief auf seinem Rücken. Eben hatte er noch schlafen sollen. Nun wartete der Prinz vor ihm. Finola ließ den grünen Kopf ein wenig nicken.
„Das lassen wir so“, sagte Toni. Sie schrieb es auf die Rückseite eines Papprests.
Im Türrahmen stand Bastis. Er war zusammen mit Finola und Lakritze aus Lemuria gekommen. Er trug seine Jacke ordentlich geschlossen, obwohl es warm war. „Falls ihr einen Zuschauer braucht“, sagte er, „ich könnte noch etwas Zeit einrichten.“
Sein Schatten war bereits im Raum. Er kroch über die Fliesen bis zum Tisch, richtete sich an der blauen Decke auf und setzte sich eine gewaltige schwarze Krone auf.
Bastis hatte die Hände an den Seiten. „Das war nicht die Bitte. Ich sagte Zuschauer.“
Der Schatten verbeugte sich. Enzo hielt seine Fingerkrone daneben. „Deine ist größer.“
Bastis ging zum Tisch. Sein Schatten blieb noch einen Moment auf der Decke stehen. Dann machte er sich schmal und huschte hinterher.
Toni klopfte auf den freien Stuhl. „Zuschauen darfst du. Wir brauchen jemanden, der sagt, was man sieht.“
Bastis setzte sich. Diesmal nahm er seinen Schatten mit. Finola ging mit dem Drachen ein Stück an der Wand hoch. „So könnte er fliegen.“
Bastis betrachtete die Burg. „Ich sehe deine Knie.“
„Aber der Drache ist über dem Turm.“ Finola zog die Knie an. „So?“
„Jetzt sehe ich deinen Rücken“, sagte Bastis.
Finola hielt den Drachen noch immer über dem Turm. Die Flügel waren weit auseinander. Sie zog den Arm näher an sich; nun stieß ein Flügel gegen ihre Schulter. Sie kam herunter, hockte sich hinter die Mauer und hob nur den Drachen über die Zinnen. „Und jetzt?“
Bastis beugte sich vor. „Jetzt sehe ich einen Drachen.“
Finola bewegte seine Flügel. Enzos Prinz duckte sich im Tor. Toni begann von vorn.
Am Abend brachten sie Frau Rabe die leere Theaterkiste zurück. Enzo setzte sie auf den Wagen, bevor die Puppenspielerin ging. Die Burg blieb auf dem Klapptisch im Gepäckraum.
Oben auf dem Treppenabsatz lag das Buch neben Tonis Bleistift. Bevor sie schlafen gingen, lasen sie die Gießkannengeschichte noch einmal. Bastis setzte sich dazu. Sein Schatten lehnte sich an die Wand und hielt die Umrisse einer sehr großen Kanne in den Händen. Enzo bestand auf Gelb. Finola ließ ihre rote Kanne stehen. Toni klappte das Buch zu und ließ es neben dem Bleistift liegen.
In der Halle war nur noch die Uhr zu hören. Finola blieb auf der Treppenstufe sitzen und zog den Pullover vom Geländer auf ihre Knie. Am Ärmel hing ein Rest grünes Papier. Sie löste ihn ab und faltete ihn zwischen zwei Fingern. Morgen würde sie den Drachen vor all den Stühlen halten. Sie legte den kleinen Papierflügel neben Tonis Bleistift und ging nach oben.
Am nächsten Morgen lag ihre Reisetasche offen auf dem Bett. Finola packte den Pullover ein, den sie hier kaum gebraucht hatte. Drüben würden die beiden warten, die sich für diese Reise als Eltern um die drei kümmerten. Finola nannte sie Mutter und Vater. Sie wollte ihnen erzählen, wie der Drache König geworden war. Dabei mussten sie die schiefe Krone sehen.
Den glatten Stein vom Bahnsteig drehte sie noch einmal in der Hand. Eine helle Linie lief ganz um ihn herum. Finola strich darüber; unter dem Finger fühlte sie sich genauso an wie das dunkle Stück daneben. So etwas wollte sie den anderen auf Lemuria zeigen. Sie legte ihn vorerst in die Seitentasche. Von unten hörte sie Toni und Enzo die Burg tragen. Finola schloss ihre Tasche und lief hinunter.
Kurz vor elf saßen die ersten Zuschauer in der Bahnhofshalle. Frau Rabe schob die Stühle ein wenig auseinander, damit alle sehen konnten. Giulia stellte den Kindern Wasser hinter die Bühne. Finola setzte den Drachen vor die Burg. Vor der Bühne strich ein Schuh über den Boden. Gleich würden die Leute still sitzen und auf das Burgfenster schauen. Finola hielt den Drachen an einem Flügel fest.
Enzo strich mit dem Daumen über die Papierkrone. „Wenn sie nicht fällt?“
„Dann hilft Toni“, sagte Finola.
„Und wenn sie danebenfällt?“
Finola schaute auf den weichen Drachenrücken. „Dann hebt der Drache sie auf.“
Die große Uhr zeigte elf. Toni begann. Finola legte den Mund dicht an den grünen Stoff und schnarchte. Dabei musste sie selbst lachen. Sie drückte die Nase in den Drachenbauch und hielt ihn ein bisschen höher. Vor der Bühne kicherte jemand.
Der Prinz schlich über die Brücke. Der Drache wachte auf. Die Krone fiel. Sie landete auf einem Flügel, hielt sich dort einen Augenblick und rutschte dann zwischen die Flügel.
„Sehr geehrter Drache“, sagte Enzo.
„Was?“, brummte Finola. Schon lachte jemand in der ersten Reihe.
Danach blieb Toni mitten in einem Satz stehen. Enzos Prinz holte tief Luft, noch einmal und noch einmal. Finola ließ den Drachen den Kopf schief legen. Erst als Toni weitersprach, senkte sie ihn wieder zum Burgtor.
Als sie zum Schluss hinter der Burg aufstanden, klatschten die Zuschauer. Nonna Pina hob beide Hände über ihren Kopf. Bastis saß neben ihr. Sein Schatten klatschte an der Wand weiter, als er selbst schon aufgehört hatte. Finola verbeugte sich mit den anderen.
Dann kam Frau Rabe an die Reihe. Diesmal verschluckte ihr Hund einen Hausschlüssel. Enzo presste die Hände vor den Mund, um nicht dazwischenzurufen. Finola saß auf dem Stuhl neben Toni. Der Drache lag quer über ihren Knien.
Als Frau Rabe ihre Puppen einpackte, fehlten noch zehn Minuten bis zwölf. Giulia kam zu den Kindern. „Eure Sachen stehen hinten.“
Finola gab Enzo den Drachen.
Die Watte war warm geworden. Enzo hielt ihn einen Moment an beiden Flügeln fest. „Nächstes Mal kann er bis zur Uhr fliegen.“
Finola nickte. Toni zupfte einen Streifen Klebeband von Finolas Ärmel. Dann gingen sie gemeinsam in den hinteren Gang.
Bastis wartete dort mit seiner Tasche. Neben ihm stand Lakritze. Er war noch kleiner als seine Reisetasche, weil er vor dem Packen unter seinem Bett nach einer verlorenen Socke gesucht hatte. „Augenblick“, sagte er. „Ich bin noch bei den Socken.“ Er wuchs, bis er den Griff bequem fassen konnte.
Finola nahm ihre eigene Tasche. Durch die offene Gepäckraumtür sah sie den leeren Klapptisch. Die kleine Kiste des ersten Gastes stand auf dem niedrigen Schrank. Ihre Messingscharniere schimmerten im Licht.
Toni hatte das Buch vom Treppenfenster geholt. Sie hielt es an die Brust. „Ich lese nachher noch ein Stück“, sagte sie. „Bis du wiederkommst, bin ich vielleicht schon weiter als du.“
„Dann musst du mir die Stelle zeigen.“
Toni nickte. Finola trat vor die hintere Tür. Der Rahmen hatte viele kleine, runde Vertiefungen. Neunundsiebzig. Enzo hatte sie zweimal gezählt, weil er beim ersten Mal auf eine andere Zahl gekommen war. Jetzt waren sie dunkel.
Finola legte die Hand auf die Klinke. „Eine Woche“, hatte ihre Mutter gesagt. „Donnerstag um zwölf.“ Sie spürte den Griff der Reisetasche in der anderen Hand.
Sie wollte den beiden vorführen, wie die Papierkrone auf dem Drachen gelandet war. Aus der Halle kam der erste Schlag der Uhr. Finola drückte die Klinke herunter.
Die Tür blieb zu.
Sie zog ihre Tasche ein Stück zurück und versuchte es noch einmal. Vielleicht hatte die Ecke im Weg gestanden. Nichts.
Die Uhr schlug weiter. Bastis stellte seine Tasche ab. Lakritze ließ den Griff los.
Beim zwölften Schlag kam Giulia aus der Halle. Sie sah Finolas Hand auf der Klinke und trat neben sie. „Lass mich einmal.“ Giulia drückte die Klinke, erst vorsichtig, dann fester. Sie zog an der Tür und versuchte es in die andere Richtung.
Die Tür bewegte sich nicht. Enzo hörte auf, den Drachenflügel hin und her zu biegen.
Giulia blickte zu Nonna, die gerade um die Ecke kam. „Pina?“
Nonna stellte sich vor den Rahmen. Sie strich über eine der dunklen Vertiefungen und legte dann selbst die Hand auf die Klinke. Auch bei ihr blieb die Tür geschlossen.
Finola wartete auf das helle Licht. Auf die durchscheinenden Flächen von Lemuria. Auf den kleinen Luftzug, der ihr bei jedem Durchgang über das Gesicht gestrichen war.
Im Gang roch es nach gebackenem Teig. Die Uhr hatte aufgehört zu schlagen.
„Sie warten doch auf uns“, sagte Finola.
Toni legte das Buch auf den Schrank im Gepäckraum, neben die geschlossene Kiste, und kam zu ihr.
Auf der Uhr in der Halle war es eine Minute nach zwölf.
